Der erste Hunderter

Die Aufregung steigt. Seit September trainiert, ab November sogar mit Trainingsplan für den ersten Hunderter, endlich ist es soweit. Wir, d.h. mein Mann Heiko und ich, fahren am Pfingstmontag nach Hinterzarten, um uns mental auf das Ereignis vorzubereiten und von dort aus am Freitag nach Biel zu fahren. Die Matratzen der Ferienwohnung in Hinterzarten waren natürlich zu weich, aber der schlechte Schlaf kommt doch auch von der Aufregung. Meinem Rücken bekommt das weiche Bett auch nicht so wirklich gut, ich brauche doch immer so eine halbe Stunde, bis ich eingelaufen bin und der Rücken nicht mehr schmerzt. Aber mit gehen bzw. laufen ist noch jedesmal besser geworden, ich bin also zuversichtlich. Und dann am Freitag, Abfahrt um 15:15 Uhr (geplant: 16 Uhr) und Ankunft dann gegen 18 Uhr.

In Biel den Start zu finden ist nicht ganz so trivial, wie man sich das vorstellt, aber ein Helfer, den wir mitnehmen konnten, dirigierte uns zielsicher zur Eissporthalle. Die nächste Hürde, nämlich einen Parkplatz zu finden, haben wir ganz gut genommen, enthusiastisch mehrere hundert Meter vom Start entfernt, aber vorher ist das ja alles kein Problem. Die restliche Zeit vergeht dann auch im Flug, bei Vollkornbrot, Apfelmus und Banane bzw. Bratwurst und Pommes frites (Preisfrage: wer hat wohl was gegessen?) und natürlich viel Wasser.

Frauen brauchen ja bekanntlich immer etwas länger, deshalb haben wir uns dann kurz vor 21 Uhr auf den Weg zum Auto gemacht um erst mal die Läuferinnen­kleidung zu holen. In der Umkleide habe ich sofort gemerkt, was ich alles vergessen hatte. Aber die paar Meter sind ja alles kein Problem, vor dem Lauf schafft man das locker mehrmals. Wider Erwarten ging es mit meinem Umziehen und Fertigmachen doch ziemlich schnell und schon gegen 21:30 Uhr gingen wir voll aufgerüstet Richtung Start. Heiko hat die ersten Fotos geschossen, ich habe mich mal entspannt in den Reihen umgesehen (und versucht, fotogen zu posieren). Der letzte Schluck aus der Wasserflasche, ein letzter Kuß und “viel Glück”, dann Punkt 22 Uhr kam der Startschuß! Für alle, die das noch nicht wissen (bis dahin gehörte ich ja dazu)- es gibt keine Brutto- und Nettozeit, der Startschuß zählt. Ich habe das nicht ganz so schnell kapiert, als ich endlich über die Startlinie lief habe ich verzweifelt Ausschau gehalten nach der Matte, die die Zeit aufnimmt. Pustekuchen! Im nachhinein denke ich, dass es ca. 1 Minute gedauert hat, bis ich über die Startlinie gelaufen bin und ca. 35 Sekunden bis ich gemerkt habe, dass da nix mehr kommt und die Uhr gestartet habe.

Aber jetzt: Genieße den Lauf, du hast dich so lange darauf vorbereitet, so vielen Leuten erzählt, dass du 100 km laufen willst, jetzt tu es auch! Die gefühlte Temperatur waren so um die 20 Grad, es scheinen aber tatsächlich 27 Grad gewesen zu sein (nach den bereits veröffentlichten Berichten). Nach den heißen Stunden im Auto hatte es aber schon etwas abgekühlt. Die ersten drei km war ich dann so richtig aufgeregt, der Pulsmesser zeigte so um die 155 Schläge an (bei einer Geschwindigkeit von geplanten 7:30 Min. pro km, angezeigten 7:18 Min, hinterher aber um 1:38 Min. langsameren Zeit!)

Vor lauter auf die Uhr gucken habe ich fast die Bieler Zuschauer nicht mitgekriegt, es war schon ein buntes Treiben, das Johlen ist in meiner Leistungsklasse nicht mehr ganz so laut wie bei der Spitzentruppe (zumindest den Berichten nach) aber dauernd kommen die Rufe “Bravo”, “Respekt”, “Hopp, hopp, hopp”, “viel Glück” usw.

Die erste Verpflegungsstelle noch mitten in Biel war immer noch gut frequentiert, hätte ich gar nicht gedacht. Und dann kam die erste Steigung, am Fuße erst noch die zweite Verpflegungsstelle, für die ich in meiner Zeittabelle immer 2 Min. dazugerechnet habe. Es reicht dann auf alle Fälle für 2 Becher Wasser mindestens. Und mit einem weiteren Becher in der Hand geht es dann den ersten Hügel hoch.

Die Steigungen habe ich auch mit Gehen eingeplant (immer plus 10 Min. in meiner Zeittabelle). Wenn man den Hügel hochgeht, hat man einen wunderschönen Blick über die vielen Lichter von Biel, es ist tief beeindruckend. Der Vollmond trägt natürlich auch zu der einmaligen Stimmung bei. Teilweise läuft man direkt auf die riesige rötlich gelbe Kugel zu, manchmal wie auf Kalenderfotos mit kleinen Wolkenschleiern verziert. Das kann man auch so richtig genießen, auf diesen km geht es einem nämlich noch so wirklich gut. Mir ging es zumindest so richtig gut, ich freute mich, dass ich die Stimmung mitgekriegt habe, meine Rückenschmerzen waren nach einer Stunde auch weg, es kann nichts schiefgehen.

Es ging dann weitgehend über Felder, (der Mond ist mein Begleiter) bis zum ersten Kontrollposten bzw. drei Kontrollstemplern. Dazwischen wurde ich schon von den ersten Stafettenläufern überholt, die hatten zu diesem Zeitpunkt aber schon ihre Radbegleitung bei sich (dürfen die das denn?) und ich konnte mal live erleben, wie das so ist, bei meinem Schneckentempo von so schnellen Läufern überholt zu werden (Läufer deshalb, weil die erste Staffel-Läuferin bestimmt eine Stunde später an mir vorbeikam).

Leider konnte ich mir die Namen der Ortschaften nicht merken, aber in einem Ort riefen mir zwei junge Damen zu: “Frauenpower” und “Frauen an die Macht”, während sie mir begeistert zugeklatscht haben. Da musste ich schon mal lachen, aber das entsprach der Stimmung im Publikum – sofern Zuschauer an der Seite standen.

In Aarberg ging es dann durch die sagenhafte Holzbrücke, bei mir waren da aber immer noch ziemlich viele Begeisterte, und über den Marktplatz, wo allerdings doch die Schoppenlaune überwog und weniger die Laufbegeisterung. Und dann an der Verpflegungsstelle: Heiko steht tapfer da, fotografiert mich (noch kann ich winken und lachen) und hat sich auch den Laufgürtel umgeschnallt, um mir meine Spezialmischung (Wasser mit Himalaya-Salz und A-Saft) zu reichen. Wie schön, wenn es einem so richtig gut geht, strahlend von den ersten km zu berichten.

Noch im Zeitplan, ging es gleich weiter, und mit viel Glück, sehe ich eine Läuferin aus einer öffentlichen Toilette kommen. Als ob ich an einer Toilette vorbeilaufen könnte! Meine größte Sorge wurde also nicht bestätigt, es gab doch einige Örtlichkeiten für die menschlichen Bedürfnisse. Äußerst erleichtert lief ich weiter, ohne Rad-BegleiterInnen so richtig wahrzunehmen, die hier dazustoßen. Eigentlich dachte ich, die würden mitfahren, um im Dunkeln noch die Strecke zu beleuchten. Weit gefehlt, die meisten hatten gar keine Lampe am Fahrrad.

So zwischendurch fiel mir eine Gruppe von 4 Läuferinnen auf, die schneller als ich gelaufen ist, allerdings öfter mal gegangen ist und offenbar auch bei den Verpfle­gungs­stellen länger gebraucht hat. Diese Vier sind mir auf alle Fälle noch öfter über den Weg gelaufen. So spannend war der Abschnitt bis zur ersten Teilstrecke, an der man regulär aussteigen kann, nicht mehr. Was mich überrascht hat waren die ziemlich steilen Gefälle unterwegs, die Steigungen waren moderat, die Gefälle doch schon eher hart.

Heiko hat mich bei Oberramsern wieder aufgemuntert, wo ich mich mal ganz kurz hingesetzt habe und die Banane im Sitzen gegessen habe. Er durfte auch mal von den Energieriegeln probieren, mir war das zu heikel, das habe ich vorher noch nie gegessen, geschweige denn bei einem Wettkampf (ha ha, ich habe bisher ja nur einmal einen Marathon mitgemacht, es ist ja erst der zweite “Wettkampf”) getestet. Aber Heiko hat es sich ja verdient, nicht genug, dass er die Anmeldegebühr bezahlt hat aber verletzungsbedingt nicht mitlaufen kann, er hat mich ja auch mit allen Mitteln tatkräftig unterstützt – mit Spezialmischung, Kräuteröl-Einreibung, mentale Unterstützung und nicht zuletzt versucht, das Auto außerhalb meines Blickwinkels zu parken (ist ihm auch bis auf zwei mal gelungen)! Da durfte er schon mal den Bananen-Schokolade-Riegel probieren, fand ich.

Und weiter ging es durch die Dunkelheit, mit der neuen Stirnlampe war ich für alles gerüstet. Entgegen der Erfahrung anderer MitläuferInnen habe ich die Lampe doch an einigen Stellen benötigt, wenn die Strecke durch ein kurzes Waldstück ging, durch das der Mond nicht ganz durchscheinen konnte. Und dann gegen 5 Uhr war die Dämmerung zu erkennen, noch nicht hell aber ich hatte das Gefühl, mit jedem Schritt wurde es heller – und im Wald wurde es immer lauter. Ein derartiges Vogelkonzert habe ich vorher noch nicht erlebt. Es war gigantisch, und das in einer Lautstärke, dass man fast an einen Lärmschutz denken konnte. 

 


Mir ging es immer noch fantastisch (sonst hätte ich die Vogelstimmen auch gar nicht bemerkt), aber so langsam wurden die Abstände kürzer, zwischen denen ich auf die Uhr schaute. In den ersten 6 Stunden war es eigentlich so, dass ich nur mal kurz den Zeitplan überprüft habe, wie ich so liege, und nicht so genau auf die Zeit geachtet habe. Bis 50 km lag ich auch noch super in meinem Plan, danach fing der Zeitverzug schleichend an. Bis Kirchberg war aber alles noch paletti, dort aufzuhören, hätte mit leichtem Muskelkater und dem Gefühl “ein netter Lauf” ein unbefriedigendes Ende bedeutet. (“Wenn ich jetzt aufhöre, kann ich mich ein ganzes Jahr drüber ärgern”, und außerdem: wer den Ho-Chi-Minh nicht kennt, war nicht in Biel!).

 

Nach fast 9 Stunden kommt dann endlich der sagenumwobene Pfad an der Emme entlang (das mit dem abwärts war nicht erkennbar). Zu allen Berichten, die ich vorher darüber gelesen habe, kann ich nur sagen: der Wald, durch den man läuft ist noch schöner, als man es beschreiben kann. Der Pfad, über Steine und Wurzeln ist noch viel schmaler und viel schwerer zu laufen, als man es beschreiben kann. Er ist so schwer zu laufen, dass man die Schönheit des Waldes nicht so richtig mitbekommt, wenn man sich umsieht, knickt man um oder stürzt am Ende noch. Den kleinen Wasserfall habe ich erst im Internet gesehen, in natura habe ich ihn nur gehört.

Um jetzt auch ein bißchen prahlen zu können: in meiner Leistungsklasse gab es keinen und keine mehr, der/die gelaufen ist – außer mir. Ich habe viele GeherInnen überholt, bei denen ich mich nochmal herzlich bedanken möchte, dass sie zur Seite gegangen sind, um mich vorbeizulassen. (Ja, der Pfad ist auf den ersten fünf km so schmal, dass man nicht nebeneinander laufen kann). Hier kamen aber schon die Gedanken, vielleicht doch ein paar km zu gehen und nicht zu laufen. Und die Gegenstimme: zum Gehen hast du später noch genug Zeit! (Wie wahr!)

Bei km 70 stand Heiko nicht, so sehr ich auch die Augen verrenkte, und er wollte doch nach dem Pfad dastehen. Die Enttäuschung war wohl vor allem Erschöpfung. Aber dann bei km 73, endlich das ersehnte dunkelrote T-Shirt, er hat mich nicht vergessen, verlassen, mich selbst überlassen. Die Kräfte haben mich schon ziemlich verlassen, aber so weit ist es ja nicht mehr. Eine kurze Einreibung mit Kräuteröl (zu diesem Zeitpunkt konnte ich das sogar noch selbst, ich konnte sogar noch das Bein selbstständig auf die Mauer heben ohne die Hände dazu zu nehmen!), die letzte Versorgung mit der Spezialmischung, mentale Aufmunterung (“Du schaffst das schon!”) und weiter gings.

Es geht ja dann etwa 10 km ständig leicht bergauf – steht in den Berichten. Ich wartete inständig auf eine sichtbare Steigung – da darf ich dann mit ruhigem Gewissen gehen. Aber so einfach war das denn doch nicht. Die Steigung ist tatsächlich so flach, dass man nur an den wenigsten Stellen etwas bergauf-artiges erkennen kann. Inzwischen ist es heiß, dass es immer heißer wird, merkt man irgendwie erst recht spät, ab km 70 war es aber schlagartig spürbar. Und jetzt geht es bergauf, die Beine schmerzen, beim Laufen tun auch die Arme weh (kann das denn wirklich so wabbeln, dass es weh tut? Eine ganz neue Erfahrung, vor allem, dass da überhaupt etwas wabbelt), der Schweiß läuft in kleinen Rinnsalen herunter, die Frage nach der Anzahl der Blasen an den Füßen kommt einem immer häufiger in den Sinn (mein Tipp: an beiden kleinen Zehen und am rechten großen Zeh).

Das Schlimmste ist die Hitze, glücklicherweise wusste ich nicht, dass es damit noch viel schlimmer werden konnte. Und dann, vor dem letzten Buckel vor Gossliwil – kommt mein tapferer Betreuer auf mich zu: voll aufgerüstet mit dem kompletten Rucksack (den ich vorher noch bepackt hatte, Blasenpflaster, Feigen, Taschentücher, Vaseline etc. und was man so alles braucht, einige kg kamen da schon zusammen). Heiko hat das Auto in Gossliwil geparkt und ist mir das letzte Stück (immerhin 2 km!) entgegengekommen. Laufen ist bei mir nicht mehr drin (es geht ja auch tatsächlich bergauf) und so marschieren wir gemeinsam bis zum 3. Ausstiegspunkt mit Verpflegung.


Dort stehen nicht mehr viele Zuschauer rum, auf der kleinen Mauer reibt mir Heiko die Beine ein (ich kann mich noch setzen, die Beine kriege ich aber nur noch mit manueller Hilfe hoch), das Wasser und die Bananen kann ich nicht mehr sehen, die Vernunft treibt es aber doch noch die Speiseröhre abwärts. Dass ich zu diesem Zeitpunkt ziemlich benebelt war, habe ich daran gemerkt, dass ich alleine den Weg nicht mehr gefunden hätte. Ich dachte, es ginge bergab, aber da war noch ein Stück bergauf zu gehen. Meine Beine wollten nicht mehr und mein Verstand hat da nicht mehr so richtig korrigiert, Heiko hat mich aber glücklicherweise noch auf den rechten Weg gebracht, sich hier nochmal zu Verlaufen wäre zu tragisch gewesen.

Bergauf darf ich ja gehen, es kam auch noch ein kleines Waldstück, und auf der ebenen Strecke hat mein Verstand doch noch die Oberhand behalten, einige Meter lief ich noch. Immer wieder habe ich mir gesagt, “nicht anfangen zu denken, einfach nur laufen” und “wenn gar nichts mehr geht, 50 km gehen immer noch!” und was man halt so im Delirium vor sich hin betet. Aber dann ging es bergab: klasse, wenn man mal von den steilen Stellen absieht, an denen man auch wieder gehen muss, um nicht zu stürzen.

 

Am Fuße des Berges, kurz nach km 85, dann wieder eine Verpflegungsstelle. “Sie sehen aber noch richtig frisch aus, es ist doch eine wunderschöne Strecke” waren die Worte des freundlichen Helfers. Mir war zwar nur noch zum Heulen zumute, alles hat wehgetan, die Hitze war unerträglich, aber die Strecke war bis dahin wirklich einmalig, ich konnte ihm also noch zustimmen – was die Strecke betrifft. Aber dann: die restlichen knapp 15 km waren – bis auf etwa 2 km – in der prallen Sonne, ohne jeden Schatten, bei über 30 Grad (im Schatten, der ja nirgendwo vorhanden war) und über weißen Schotter, der die Sonne derartig gut reflektiert hat, dass man dafür eine Sonnenbrille benötigt hätte (die war im Auto, noch nicht mal im Rucksack).

Diese letzten km, für die ich dann noch 2 Stunden 45 Min. gebraucht habe, haben einiges von dem herrlichen Eindruck der Laufstrecke zerstört. Die Tränen waren kaum mehr zurückzuhalten, es war nur gut, dass ich einen guten 6 km/h Schnitt halten konnte – die meisten anderen LäuferInnen waren nämlich langsamer, so dass ich an einigen vorbeigehen konnte, was die Psyche doch noch ein bißchen aufhellen konnte. Das baut ein wenig auf, an der Hitze und den Schmerzen ändert das allerdings nichts. Noch eine Verpflegung in der prallen Sonne mitten im Feld, eine weitere letzte im Wald, und die tröstlichen Schilder am Wegesrand: 95, 96, 97, 98, und 99 km. Und (seit km 70) jedesmal mit dem Hinweis, wieviel km bis zum Ziel.

Dann die letzte Kurve, noch einige hundert Meter, auch wenn es alle sehen können, dass ich die ganze Zeit gegangen bin, die letzten hundert Meter trabe ich in Aufbietung meiner allerletzten Kräfte an, (wahrscheinlich einen guten 8:30 Min./km-Schnitt haltend) und sehe die Matte, das Banner mit “Finish” - und eine zweite Matte und ein zweites “Ziel”-Banner. Die Arme nach oben gerissen für das Zielfoto, konnte ich die Panik aus meinem Gesicht bannen, es könnte die falsche Ziellinie sein? Es gibt plötzlich zwei Ziele, nicht kurz vor dem Klo noch in die Hose gemacht, Panik! Dann nochmal die Arme hoch für das private Zielfoto, das Heiko schießt, und die Panik weicht, jetzt ist auch die zweite Matte überquert, jetzt ist definitiv das Ziel erreicht!


Jetzt kommen auch sogleich die ersten Tränen, Heiko ist hinter einer Abtrennung kann (muss) mich aber halten, es gibt nur noch einen Gedanken “geschafft!” Die freundliche Helferin entfernt dann den Chip aus meinem Schnürsenkel (so weit kam ich mit meinen kurzen Armen nicht mehr) und an den Absperrungen hangele ich mich entlang zum Ausgang, Ziel Toilette. Haben die da tatsächlich 3 Stufen eingebaut, wie soll ich da hinauf und vor allem wieder herunterkommen? Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg, so genau weiß ich das aber nicht mehr, außer dass ich Schmerzen hatte. Zu dem einen Gedanken “Geschafft!” gesellt sich noch der zweite “Ich will nur noch, dass die Schmerzen irgendwann aufhören”, das hat sich aber so schnell nicht erfüllt.

Der Masseur empfing mich mit den Worten “Sind Sie Schmerzen gewöhnt? Weil Massieren nämlich Schmerzen bereitet” und tatsächlich, nachdem ich auf die Bahre gehievt worden bin (alleine ging das nicht mehr) hat er mir gezeigt, was echte Schmerzen sind. Was uns nicht tötet, härtet nur ab.

Heiko hat mir in der Zwischenzeit das Finisher-Shirt und die Urkunde abgeholt, genial, dass ich genau das erste Mal mitgelaufen bin, an dem es so ein Shirt gab. Heiko hat das Auto auch in meiner Reichweite (wenige Meter) geparkt, und mich auch wieder sicher zurück nach Hinterzarten gebracht. Mein ganzer Stolz: zum Abendessen bin ich zu Fuß zur Pizzeria gegangen, immerhin 300 Meter! (Na ja, in 10 Minuten, aber ins Auto ein- und aussteigen wäre wahrscheinlich schmerzlicher gewesen.)

 

Dass man um 20 Uhr abends schon ins Bett gehen und dann auch schlafen kann, hätte ich vorher nicht für möglich gehalten, das mit dem Schlafen war auch nicht ganz so wörtlich zu nehmen. Man dreht sich ja nachts mehrmals von einer auf die andere Seite – und wenn es dann so verdammt weh tut, wie nach einem 100 km Lauf, dann wird man davon wach. Vor allem, wenn es etwa 5 Sek. dauert, bis man das Knie ausstrecken kann und nochmal 5 Sek. bis es wieder abgewinkelt ist. Den Sonntag haben wir dann ruhig angehen lassen, so leichte Dehn-Übungen habe ich schon versucht (während des Laufes hätte ich dehnen sollen, meinte der Masseur), der eine km zur Eisdiele war auch schon zu bewältigen, und auch zum Abendessen ging es wieder auf zwei Beinen. Allerdings habe ich einige mitleidige Blicke empfangen, als ich nach dem Essen aufstand um zurück zur Ferienwohnung zu gehen. Wenn man erst mal ein paar Meter gegangen ist, geht es, aber so kurz nach dem Aufstehen ist es brutal.

Eisenhart wie ich nunmal bin, habe ich dann am Montag vormittag die Laufschuhe wieder geschnürt. Wenn auch nur eine halbe Stunde, aber immerhin. Und nach etwa 15 Min. konnte ich fast wieder schmerzfrei laufen. Es hat auf alle Fälle Wunder bewirkt, nach dem Lauf ging es nur noch bergauf – mit meiner Regeneration. Der Muskelkater nahm von Stunde zu Stunde ab, ich konnte es gar nicht fassen. Am Samstag hatte ich damit gerechnet, mich eine Woche lang kaum rühren zu können und ab Dienstag war der Muskelkater so gut wie weg. Das einzige Indiz, woran ich die Anstrengung noch merken konnte, ist der kleinere Appetit. Erst am Donnerstag abend habe ich einen normalen Hunger entwickelt, konnte eine für mich normale Portion vertilgen. Es bleibt zu sagen: ich bin begeistert, und nächstes Mal schaffe ich es in 13 Stunden!

Der erste Hunderter in Stichworten:

Start: Freitag, 13.6.2003 22 Uhr (27 Grad)
Ziel: 14 - 15 Stunden geplant, 15 Stunden 12 Minuten 5 Sekunden realisiert (30 Grad im Schatten gemessen, 45 Grad gefühlt)
Blessuren vorher: 2 blaue Zehen
1 fehlender Zehennagel (Trainingswochenende mit 37 km Samstag, 27 km Sonntag)
Rückenschmerzen
Blessuren nachher: aufgeriebener Bauchnabel (vergessen, mit Vaseline einzureiben)
aufgeriebene Schleimhaut (an einer nicht näher zu beschreibenden Stelle, die ich mir garantiert nicht mit Vaseline eingerieben hätte)
dick geschwollene Hände (etwa doppelter Durchmesser)
Pickel im Gesicht (wahrscheinlich vom Schweiß gepaart mit der Sonne, dauert am längsten an, ganzes Gesicht unbeschreiblich)
eine große Blase unter dem (kompletten!) linken kleinen Zeh
weiterhin Rückenschmerzen, nachdem ich erst einmal stehen geblieben bin (im Ziel)